Tel.: 030 - 263 996 66

Räume zu vermieten in:

Elio Graziano | Interview

Elio_Graziano.jpg
Elio Graziano, Foto: Jörn Rädisch

“Alles wird gut gehen - Auch wenn es regnet.”

Elio Graziano ist angekommen - in Berlin. Seit 2011 lebt und arbeitet er hier. Zu Beginn war er absoluter Anfänger. Doch in jedem Neuanfang steckt neben der Geschichte zugleich auch die Energie für noch nie da Gewesenes. Architekt von Beruf entdeckte er hier seine Stimme und wurde Künstler.

Am 27. April 2016 eröffnet Elio Graziano in L’espace de l’espèce “Flowers will cover everything”. Er zeigt abstrakte, gestisch expressive Malerei, collagenhaft gespickt von Bild und Textmaterial. Der Titel ist eine Metapher und zeugt von seiner Einstellung zu den global gesellschaftspolitischen Krisen unserer Zeit. Den Migrationen und dem Klimawandel setzt er farbenfroh etwas entgegen ohne zu beschönigen. Denn eins ist für Elio Graziano klar: Den Kampf gegen (Natur)Gewalten können wir nur verlieren. Krisen sind dazu da, sich neu zu ordnen. Leben heißt, immer wieder von vorne zu beginnen.

Von einer Begegnung mit einem italienischen Maler, der tief im Glauben verwurzelt, den Strukturen entflieht und anfängt mit offenen Augen und geschärften Blickes zu träumen.

Elio, du bist von Beruf aus Architekt und hast dich erst vor ein paar Jahren für die Kunst entschieden. Was hat dich dazu gebracht?
Ich bin zufällig Künstler geworden. Geleitet von der Befürchtung, dass unsere Realität geprägt ist von der übermäßigen Suche und dem Verlangen nach Ordnung und sich oftmals auf rationales Vorgehen stützt, wollte ich sie wieder allumfassend wahrnehmen. Dazu gehören neben Rationalität, auch Empfindungen, Psyche, Mystik und das Träumen. Wir sind nie nur eins. Wir haben viele Persönlichkeiten und Perspektiven in uns. Wir können die Welt nicht nur über eine Methode verstehen. Sie ist vielschichtiger und verlangt nach verschiedenen Erklärungsmodellen und Ausdrucksformen. Meiner Meinung nach steckt in jeder Kunstform ein Wunder, das die Fähigkeit besitzt, mit uns zu kommunizieren und uns dabei näher steht als die, denen man im religiösen Glauben begegnet. Sie sind nachvollziehbar, wir können ihnen nachspüren, sie stehen direkt vor uns. Kunst ist eine Lebensform, ich erfahre mein Leben durch sie.

Gibt es einen besonders inspirierenden bzw. wertvollen Moment in deinem Schaffen?
Ohne zu verallgemeinern: momentan ist es Musik: Rock’nRoll. Sie hilft mir, mich loszulösen von allem. Musik zu hören, die meine Jugend anklingen lässt, ermöglicht mir auf eine andere Art wieder zu spielen mit Farben und derselben Experimentierfreude. Ich erreiche einen Zustand, den ich so nur bei meinen Neffen beobachten konnte. Kinder legen einfach los. Sie sind noch nicht so strukturiert. Ich habe herausgefunden, dass Musik mir dabei hilft, die Strukturen aufzuweichen.
Musik katapultiert mich in eine andere Zeit. Sie erweitert, verstärkt und multipliziert die Signale und Erfahrungen, die ich in mir habe. Dabei spreche ich nicht von nostalgischen Erinnerungen. Es ist etwas Zeitloses und passiert mir auch in Hinblick auf die Zukunft. Ich unternehme Zeitreisen, spüre dann meine Existenz in einem Raum-Zeit-Kontinuum ohne Vorher und Nachher, ohne Wertung und Halt. Es ist wie ein Traumzustand, unwiederbringlich.

Welche Rolle spielt Kunst in unserer Gesellschaft, deiner Meinung nach?

Jack Kerouac schrieb in seinem Traum-Tagebuch (1961): “Der Fakt, dass alle auf der Welt jede Nacht träumen, bringt uns alle als Menschen zusammen.” Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass die Fähigkeit zu träumen, uns alle zu Künstlern macht. Die Gesellschaft hingegen erzieht uns zum Vergessen und Gehorsam. Sie kommt uns dazwischen, so dass wir unser Zutrauen und unseren Glauben nach und nach verlieren.
Doch Kunst bedeutet Hoffnung und damit meine ich nicht die bloße Hoffnung auf eine bessere Welt und gute Zukunft sondern Hoffnung im weitesten Sinne: Mich persönlich reizen intellektuelle Auseinandersetzungen nicht, mir hilft es vielmehr gute Energie zu verspüren. Kunst ist oft mutig. In ihrer Betrachtung entdecke ich viel Entschlossenheit. Das färbt ab. Sie gibt mir Anstoß, selbst mutig zu sein und Mut im Alltag zu empfinden.

Dein Motto “Alles wird gut gehen” stammt auch von Jack Kerouac aus dem Roman “Visions of Gerard” wird eigentlich fortgeführt mit: “übe dich in Güte, der Himmel ist nah”. Er hat das Buch 1962 an 15 Tagen handschriftlich nach dem Selbstmord seiner damaligen Freundin niedergeschrieben. Es ist ein fiktiv-autobiografischer Roman über seinen im frühen Kindesalter verstorbenen Bruder und verhandelt das enge Verhältnis zu seiner Mutter. Im Gegensatz zu seinen vorangegangenen Büchern geht es in diesem nicht um jugendliche Rebellion. Es steht im Zeichen seiner katholischen Verwurzelung, die er mit buddhistischen Ideen verbindet. Ein Roman entstanden aus einem bestimmten Moment heraus, aufgearbeitet im Kontext der eigenen Geschichte. Inwiefern steckt dieser Ansatz auch in deiner Kunst?
Das erste Buch, das ich von Jack Kerouac las, war ein Frühwerk, untypisch: The Town and the City. Direkt danach verschlang ich On the Road. Damals war ich 19, 20 Jahre alt. Im Anschluss war es, als hätte ein Freund mir von seinem Sommerurlaub erzählt. Es ist kein besonders gut geschriebenes Buch, aber das Gefühl stimmte einfach. Es blieb. Die Hauptfigur, ein katholischer, ein bisschen durchgeknallter junger Mann, ist auf der Suche nach einem Leben zwischen der Weite der Straße, der Mitte des Tumults und der Geborgenheit der mütterlichen Liebe. Als katholischer Italiener konnte ich das gut nachvollziehen. Es ist unsere Philosophie: Du stehst immer zwischen einem guten und aufrichtigen Leben und der Sünde. Ich habe durch Jack Kerouac natürlich auch andere Autoren von der Beat Generation gelesen, aber es ging mir nicht um die Bewegung: Sex, Drugs and Rock’nRoll. Ich war fasziniert von der Spontanität als literarisches Mittel. Damals erkannte ich: was zählt, ist die Energie, die von einem Buch, von einer Seite ausgeht. Wenn es dich direkt ins Herz trifft, dann ist das top. Es ist diese Art von Berührung, die dich durch den Tag tragen kann.

Auch in “Flowers will cover everything” begegnet man Texten. Deine Malerei ist durchzogen von Text und Bild aus verschiedensten Bereichen von Zeitungsartikeln, über Briefmarken bis hin zu Werbematerial. Weitere Gedichte von dir werden auf Notenständern im Raum verteilt präsentiert. Welche Rolle spielt das Medium für dich?
Es ist mehr so, dass ich mich etwas widme, das dann durch unterschiedliche Schreibweisen durch mich zum Ausdruck findet: sei es in der Malerei, durch Sprache oder Text. Es ist immer derselbe Kopf, der die Vorstellungen hat und sich verschiedener Ausdrucksmittel bedient.

Steckt in der Malerei jedoch nicht viel eher die Bewegung und die Collage ist ein intellektuelles Intermezzo?
Wir Menschen sind Maschinen, geschaffen, um zu spazieren. Wenn du an einer Hauswand lehnst, ist das cool, aber es ist die Straße zwischen einem Haus und einem anderen, die interessant ist. Ich gehe gerne spazieren. Ich begegne dabei vielen Dingen, nicht nur dem, was vor mir steht, sondern auch dem, was in mir ist und durch mich hindurch geht. Diese Eindrücke schreibe ich auf, für mich, für Freunde, für die Welt - das spielt keine Rolle. Jeden Tag, wenn ich zur HB55 Kunstfabrik fahre und in der M8 sitze, nutze ich die 20min und schreibe. Ich denke mir nichts aus. Jemand erzählt mir Geschichten. Ich bin Empfänger. So wie Cy Twombly und Baudelaire das bereits beschrieben haben. In der Malerei ist das genauso. Die Energie beim Malen verbindet sich mit Eindrücken aus anderen Momenten. Es ist also immer beides da, in sich eine Bewegung.

Gibt es dennoch eine Lieblingsfarbe, vielleicht?
Ein Lieblingsobjekt: den Bleistift. Weil ich Architekt von Beruf bin, stellt er eine natürliche Verlängerung meines Kopfes dar.

Der Kopf in der Hand. Letztendlich doch?
Den Bleistift benutze ich kaum noch, eher den Pinsel jedoch nicht ordnungsgemäß. Es gibt keine spezifische Methode, die ich anwende, im Gegenteil.

Er holt einen Pinsel. Er ist kaputt und zerklüftet.

interview_Elio_G.jpg

Nein, kaputt ist er nicht. Er hat sein eigenes Wesen, seinen Charakter. Neben dem einfachen Farbauftrag bringt er sich selbst und Spontanität ein.

Dann ist er nicht nur eine Verlängerung, sondern er hat seinen eigenen Ausdruck
Ja und nein. Er verlängert mein Unbewusstes. Auch die Form, wie du sie gerade siehst, die Zerklüftung, entsteht durch meinen impulsiven Umgang. Beim Malen denke ich nicht, ich bewege mich zur Musik. Ich tanze. Mein Leben war geprägt vom Denken, oftmals war das gar nicht so nützlich. Jetzt versuche ich weniger zu denken und mehr in Aktion zu treten. Was bleibt ist, was du machst. Das macht dich aus, definiert dich und dein Leben.

Also ist Kunst für dich Leidenschaft oder harte Arbeit?
Kunst ist beides. Sie verlangt Durchhaltevermögen, ich arbeite oft Stunden am Stück an einem Werk. Das ist anstrengend auch körperlich und wenn dann die Arme nicht mehr können, dein Kopf voll mit anderen Dingen ist, dann möchte ich manchmal einfach nur Steuerberater sein. Oder Fußballspieler, irgendwas anderes nur nicht Künstler. Künstler zu sein bedeutet der Leidenschaft zu folgen, wie der Name schon sagt: Leiden schafft. Es ist ein Handwerk, es entstehen Schwielen. Das Künstlerdasein bedeutet aber auch Freiheit. Genau deshalb hast du auch eine besondere Verantwortung.

Wo würdest du gerne mal ausstellen?
Im Park in der Nähe eines Spielplatzes. Mitten im Geschehen, das alle generationsübergreifend involviert und zufällige und spontane Begegnungen erzeugt. Eine Begegnung, die losgelöst und nicht in einem bestimmten Kontext steht, ohne Rituale auskommt und die Art der Auseinandersetzung, des Konsumverhaltens nicht vorgibt. Die Beziehungen, die dort eingegangen werden, zeugen von einer Gegenüberstellung auf Augenhöhe. Sie kommen ohne Hierarchien aus. Das gibt dem Kunstwerk selbst mehr zurück. Es tritt aus dem Atelier in eine freundschaftliche Atmosphäre, in den Dialog.

So wie am letzten Tag der Schau, dem 15. Mai 2016, an dem du beim Künstlertalk um 14h mit den Besuchern ins Gespräch trittst. Im Anschluss wirst du sogar im Ausstellungskontext und begleitet von einem befreundeten Rock’n’Roll Musiker ein neues Werk beginnen.

Hast du noch einige Worte zu Berlin?
Berlin ist ein Ausländer.
Ich selbst bin hier Ausländer, dennoch habe ich hier meine Urheimat gefunden, habe ich meine künstlerische Stimme erlangt. Als Ausländer ist man auch immer Anfänger, absoluter Anfänger, wie in dem Lied von David Bowie. Berlin steht auch immer wieder am Anfang. Nicht nur, dass es immer wieder neue Gebäude gibt und die Stadt stetig wächst, sondern sie ist und bleibt geprägt und zerfurcht von ihrer Geschichte, die sie immer wieder in die Knie zwang und aufstiegen ließ wie einen Phönix aus der Asche. Berlin widersteht, besteht weiter. Einst, vor 75 Jahren, war sie noch die Stadt der Intoleranz, nun begegne ich einer Stadt, die von Toleranz bewohnt wird.

Welche Orte sind dir besonders wichtig?
Ich mag Berlin für seine Bäume und die Natur. So wie die Museumsinsel. Ihre Architektur offenbart von den Menschen gemachte Natur, insbesondere durch das Spiel der Flussarme der Spree. Auch der Tiergarten, als stetige Konstante, fasziniert mich. Er wird bleiben, auch wenn es Berlin, so wie wir es kennen, nicht mehr gibt.